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Klimavulnerabilität

Landkreisrelativ · 100m-Gitterraster

Der Klimavulnerabilitätsindex (KVI) zeigt auf einem feinen 100m-Raster, wo Menschen innerhalb eines Landkreises besonders stark von Hitze und Wasser (Starkregen, Hochwasser) betroffen werden können — und wo zugleich die Mittel fehlen, gut damit umzugehen. So lassen sich Schwerpunkte für die Klimaanpassung im jeweiligen Planungsraum früh erkennen.

Bezugsraum Landkreis: Die Indikatoren werden innerhalb jedes Landkreises normalisiert. Werte verschiedener Landkreise sind nicht unmittelbar vergleichbar. Der KVI dient der räumlichen Priorisierung innerhalb des jeweiligen Planungsraums.

Die Idee dahinter

Wie verwundbar ein Ort ist, hängt nicht allein vom Wetter ab. Drei Fragen entscheiden zusammen: Wie stark wird ein Gebiet klimatisch belastet? Wie viele Menschen sind dort betroffen? Und wie gut können sie sich schützen? Der KVI beantwortet diese drei Fragen für jede Gitterzelle und führt sie zu einem Wert von 0 bis 100 zusammen. Je höher der Wert, desto stärker treffen Belastung, betroffene Menschen und fehlende Schutzmöglichkeiten an einem Ort zusammen.

Damit ist der KVI ein Screening-Index in der Tradition zusammengesetzter Risikokennzahlen: Er verdichtet viele Einzelmerkmale zu einer vergleichbaren Rangfolge, damit Sie sehen, wo genaueres Hinsehen zuerst lohnt. Fachlich beschreibt ein solcher Wert ein Risiko — er entsteht erst dadurch, dass Belastung, Menschen und Empfindlichkeit am selben Ort zusammenkommen. In der kommunalen Praxis ist dafür der Begriff Klimavulnerabilität eingeführt, deshalb behalten wir ihn bei. Welche der drei Fragen jeder einzelne Indikator beantwortet, weisen wir weiter unten offen aus.

Die drei Dimensionen

Exposition34 %

Wie stark trifft das Klima ein Gebiet?

z.B. Hitzetage, urbane Wärmeinseln, Starkregen, Hochwasserflächen, Versiegelung, fehlendes Grün.
Sensitivität34 %

Wie empfindlich ist die Bevölkerung?

z.B. Anteil älterer Menschen und Kleinkinder, Alleinerziehende, beengte Wohnverhältnisse.
Anpassungsdefizit31 %

Wo fehlen schützende Ressourcen und erreichbare Angebote?

z.B. große Distanz zu Parks und Kühlflächen, Krankenhäusern und Feuerwachen sowie geringe strukturelle Ressourcen.

Wie daraus ein Wert wird

Insgesamt fließen 29 Indikatoren in die drei Dimensionen ein. Damit sich Temperaturen, Prozentanteile und Entfernungen innerhalb eines Landkreises vergleichen lassen, wird jeder Indikator dort robust auf eine einheitliche Skala von 0–100 gebracht und nach seiner Bedeutung gewichtet. Hohe Exposition, Sensitivität und ein hohes Anpassungsdefizit erhöhen die Vulnerabilität. Vereinfacht:

Vulnerabilität ≈ Exposition + Sensitivität + Anpassungsdefizit
Ergebnis normiert auf 0–100 · höher = vulnerabler · exakte Gewichte und Formel im Methodikbericht

Wie schwer die einzelnen Indikatoren wiegen, ist nicht willkürlich gesetzt: Die Gewichte wurden in einer mehrstufigen Delphi-Expertenbefragung aus Klimaanpassung, Stadtplanung, Sozialwissenschaften und Katastrophenschutz hergeleitet und anschließend je Dimension auf 100 normiert.

Welche Frage jeder Indikator beantwortet

Die drei Dimensionen oben sind die Rechenstruktur des Index. Fachlich lassen sich dieselben 29 Indikatoren zusätzlich danach ordnen, welche der drei Fragen sie beantworten: Was wirkt auf den Ort ein, wie viele Menschen sind betroffen, und wie empfindlich sind sie. Beide Gliederungen beschreiben denselben Datenbestand. Die Zuordnung unten ordnet fachlich ein und ändert an der Berechnung nichts — deshalb steht daneben, in welchen Teilindex jeder Indikator tatsächlich einfließt.

IndikatorIm Index gerechnet als
Klimagefahr Was klimatisch auf den Ort einwirkt und wie stark die Raumstruktur diese Belastung verstärkt — 13 Indikatoren
Hitzetage Ø 1991–2020Exposition
Maximaltemperatur August 2019Exposition
WärmeinselintensitätExposition
Tropennächte Ø 1995–2024Exposition
StarkregenereignisseExposition
Hochwasserfläche HQ10Exposition
Hochwasserfläche HQ50Exposition
Hochwasserfläche HQ100Exposition
Topografische SenkentiefeExposition
VersiegelungsgradExposition
GrünflächenanteilExposition
BebauungsdichteExposition
VerkehrsindexExposition
Exposition Wie viele Menschen an diesem Ort betroffen sind — 1 Indikator
BevölkerungsdichteExposition
Vulnerabilität Wie empfindlich die Menschen sind und wie gut sie sich schützen können — 15 Indikatoren
Gebäude der Baujahre 1949–1978Exposition
Anteil 67+ JahreSensitivität
Anteil 75+ JahreSensitivität
Anteil Kinder unter 10 JahrenSensitivität
Anteil Kinder unter 3 JahrenSensitivität
SeniorenhaushalteSensitivität
Alleinerziehenden-HaushalteSensitivität
EinpersonenhaushalteSensitivität
AusländeranteilSensitivität
Wohnfläche je PersonAnpassungsdefizit
Distanz zu KühlflächenAnpassungsdefizit
Distanz zu KrankenhäusernAnpassungsdefizit
Distanz zu FeuerwachenAnpassungsdefizit
WohneigentumsquoteAnpassungsdefizit
NettokaltmieteAnpassungsdefizit

Der Teilindex Exposition bündelt damit bewusst mehr als eine Frage: die Klimagefahr, die Zahl der betroffenen Menschen und die baulichen Merkmale, die beides verstärken. Zwei Zuordnungen verdienen eine Erläuterung. Versiegelungsgrad und Grünflächenanteil stehen bei der Klimagefahr, weil sie messen, wie stark sich eine Zelle aufheizt und wie viel Wasser oberflächlich abfließt — das Grün als erreichbares Schutzangebot bildet dagegen die Distanz zu Kühlflächen ab. Gebäude der Baujahre 1949–1978 stehen bei der Vulnerabilität, weil schwacher Hitzeschutz darüber entscheidet, wie viel der Außenhitze in den Wohnungen ankommt.

Drei Sichten: Gesamt, Hitze, Wasser

Derselbe Rahmen lässt sich auf verschiedene Gefahren anwenden, indem die Klima-Indikatoren entsprechend gefiltert werden. Sensitivität und Anpassungsdefizit bleiben dabei grundsätzlich gleich. Im Wasser-Modus entfällt die Erreichbarkeit von Kühlflächen aus dem Defizit-Teilindex.

Gesamt

Integriertes Bild aus Hitze, Starkregen und Hochwasser.

Hitze

Hitzeexposition: Hitzetage, Versiegelungsgrad, Grünflächenanteil, Maximaltemperatur, Wärmeinselintensität, Bevölkerungsdichte, Tropennächte, Verkehrsindex, Bebauungsdichte und Gebäude der Baujahre 1949–1978.

Wasser

Wasserexposition: Starkregenereignisse, Hochwasserflächen HQ10, HQ50 und HQ100, Versiegelungsgrad, Grünflächenanteil, topografische Senkentiefe, Bevölkerungsdichte und Bebauungsdichte.

Relativ vergleichen, absolut einordnen

Der Index vergleicht innerhalb eines Landkreises. Das ist eine bewusste Entscheidung und keine technische Einschränkung: Ein landesweiter Vergleich würde in einem ländlichen Kreis fast alle Zellen unauffällig aussehen lassen, und genau dort muss trotzdem entschieden werden, wo zuerst gehandelt wird. Der relative Blick beantwortet die Frage, die vor Ort ansteht — welcher Ort im eigenen Kreis ist der dringendste?

Er beantwortet aber nicht, ob eine Belastung auch in absoluten Zahlen hoch ist. Ein hoher Rang bedeutet „auffällig im Vergleich zum eigenen Kreis", nicht „absolut kritisch". Deshalb kombiniert der KVI beide Blickwinkel: Die Rangfolge bleibt kreisrelativ, während einzelne Ansichten mit festen, gebietsübergreifenden Schwellen arbeiten. Die Einzelindikatoren Hitzetage und Maximaltemperatur zeigen wir zum Beispiel auf einer festen Skala, die in jedem Landkreis dieselbe Farbe für denselben Messwert vergibt. Ebenso arbeitet die Ansicht Zielgruppen-Konzentration im 100m-Raster: Sie markiert Zellen nach absoluten Kopfzahlen je Hektar, unabhängig davon, wie der Kreis insgesamt dasteht. So sehen Sie beides: die Priorität innerhalb Ihres Gebiets und die tatsächliche Größenordnung.

In der frei zugänglichen Übersichtskarte stehen deshalb zwei absolute Messwerte gleichberechtigt neben der Mehrfachbelastung: Hitzetage (Tage ab 30 °C) und Tropennächte (Nächte, die nicht unter 20 °C abkühlen), jeweils als Mittel über die bewohnten Zellen eines Gebiets. Ihre Farbklassen sind fest und deutschlandweit gleich — sie werden nicht je Gebiet gestreckt. Das hat eine Konsequenz, die wir bewusst in Kauf nehmen: Innerhalb einer Stadt unterscheiden sich die Hitzetage im Mittel oft nur um zwei Tage, die Karte zeigt dort also eine weitgehend einheitliche Fläche. Das ist das richtige Bild und kein fehlendes Detail — Hitzetage folgen der großräumigen Klimalage. Tropennächte entstehen dagegen kleinräumig durch Bebauung und Versiegelung; zwischen Stadtrand und Innenstadt liegen häufig mehr als zehn Nächte im Jahr.

Absolute Schwellen haben eine Kehrseite, die wir nicht verschweigen: In wenig verdichteten Landkreisen bleibt eine solche Ansicht auch dann weitgehend leer, wenn dort Handlungsbedarf besteht. Genau deshalb bleibt die Rangfolge des Index kreisrelativ — die absolute Ansicht ergänzt sie, sie ersetzt sie nicht.

Vom Raster zu Belastungsschwerpunkten

Die feine 100m-Rasteransicht dient der Diagnose: Sie zeigt zellgenau, welche Belastung wo wie stark ausgeprägt ist. Daraus werden Belastungsschwerpunkte abgeleitet — zusammenhängende Bereiche, die die einfache Frage beantworten: „Wo ist welche Belastungsart relativ hoch?"

Schwerpunkte werden getrennt für die Gefahren Hitze und Wasser ausgewiesen und unterscheiden je Gefahr zwischen hoher Exposition, hoher Sensitivität und einem Anpassungsdefizit. So wird sichtbar, ob ein Gebiet vor allem stark belastet, besonders empfindlich oder schlecht geschützt ist — drei unterschiedliche Ansatzpunkte für die kommunale Priorisierung.

Ergänzend kann je Gemeinde und Gefahr ein kommunaler Orientierungsraum eingeblendet werden. Er markiert den innerhalb der jeweiligen Gemeinde relativ vorrangigen zusammenhängenden Bereich und nennt dessen dominante Problemart. Diese Auswahl ist eine räumliche Planungshilfe: Sie ist keine Krisenklassifikation und belegt nicht automatisch eine absolut hohe Gefährdung. Zur Einordnung zeigt die Webapp deshalb sowohl den gemeinderelativen als auch den landkreisrelativen Problemrang. Für den Gesamtindex werden keine kommunalen Orientierungsräume erzwungen, weil er Hitze und Wasser vermischt.

Datenquellen

Datensouveränität: ausschließlich amtliche und offene Geodaten, vollständig nachvollziehbare Verarbeitung — keine proprietären Drittquellen.

DatensatzQuelleIndikatoren
Zensus 2022 (100m-Raster)Destatis / Zensus-PortalBevölkerung, Alter, Haushaltsstruktur, Wohnverhältnisse
DWD RasterdatenDeutscher WetterdienstHitzetage, Tropennächte, Maximaltemperatur, Starkniederschlag
HochwasserrisikogebieteBundesanstalt für Gewässerkunde (BfG)HQ10, HQ50, HQ100-Flächen
Imperviousness Density 2024Copernicus Land Monitoring Service (10m)Versiegelungsgrad
Digitales GeländemodellBKG / LandesvermessungsämterTopografische Senkenanalyse
OpenStreetMapOSM-Contributors (Geofabrik)Verkehrsindex, Bebauungsdichte, Infrastrukturabstände
Grünflächen / GewässerATKIS / Copernicus Urban AtlasGrünflächenanteil, Distanz zu Kühlflächen

Die Versiegelungsdaten werden auf 10m-Auflösung je Landkreis bezogen und auf das 100m-KVI-Gitter gemittelt. Wasserflächen werden vor der Mittelwertbildung maskiert. Für den Index wird der Landmittelwert anschließend mit dem Landanteil der Zelle gewichtet. Der unabhängige Validierungsbericht für die 2024-Ausgabe war zum Datenabruf noch ausstehend.

Einschränkungen

Der KVI fasst Vulnerabilität je Gitterzelle zusammen — einzelne besonders betroffene Gebäude innerhalb einer Zelle bildet er nicht ab. Die Gewichte spiegeln einen Expertenkonsens wider. Andere Gewichtungen können die Rangfolge der Gebiete verschieben. Werte verschiedener Landkreise sind nicht unmittelbar vergleichbar. Der Index ist als Planungs- und Priorisierungsinstrument innerhalb eines Landkreises gedacht, nicht als Grundlage für individuelle Risikoeinschätzungen oder deutschlandweite Kreisrankings.

Die Sensitivität beschreibt die Zusammensetzung der Bevölkerung, nicht ihre Menge. Sie misst, welcher Anteil der Menschen in einer Zelle zu einer empfindlichen Gruppe gehört. Beides fällt regelmäßig auseinander: Ein dicht bebautes Innenstadtquartier kann einen durchschnittlichen Seniorenanteil haben und trotzdem die meisten älteren Menschen je Hektar beherbergen, weil dort einfach mehr Menschen wohnen. In den Gesamtindex fließt die Menge über die Bevölkerungsdichte ein. Für die Frage, wie viele Menschen einer Gruppe an einem Ort tatsächlich leben, blenden Sie im 100m-Raster die Zielgruppen-Konzentration ein: Sie markiert Zellen nach absoluten Kopfzahlen je Hektar — mindestens 65 Menschen insgesamt, 10 Menschen ab 67 Jahren und 3 Kleinkinder unter 3 Jahren — und nennt im Zelldetail die drei Werte neben ihrer Schwelle. Eine 100m-Zelle ist dabei genau ein Hektar. Die Schwellenwerte stammen aus einem veröffentlichten kommunalen Klimaanpassungskonzept; die Altersgrenzen sind die des KVI und werden deshalb ausdrücklich benannt.

Einkommensarmut, Grundsicherung und Erwerbslosigkeit fließen nicht ein. Für diese Merkmale gibt es keine flächendeckende Quelle im 100-Meter-Raster. Die amtlichen Statistiken liegen auf Gemeinde- oder Kreisebene und wären auf eine einzelne Rasterzelle heruntergerechnet nur scheingenau. Als Näherung wirken die Wohneigentumsquote, die Nettokaltmiete und die Wohnfläche je Person im Anpassungsdefizit. Sie ersetzen echte Sozialdaten nicht — wo Ihnen kommunale Sozialberichte vorliegen, lohnt der Abgleich mit den Schwerpunkten des KVI.